Der Schlafanzug der Hoffnung

Gemeindereferentin Lisanne Decker zur Corona-Krise, Ostern und dem christlichen Hoffnungsschimmer.

Mein Smartphone erstattet mir jede Woche ungefragt einen Bericht über meine durchschnittliche Bildschirmzeit der letzten sieben Tage, stets in Verbindung mit einer Steigerung oder Schmälerung in Prozenten. Ein ganz nettes Extra, welches mich allerdings in der Corona-Krise mit einer bitteren Wahrheit konfrontiert: „Deine tägliche Bildschirmzeit betrug in der vergangenen Woche 2,5 Stunden. Das entspricht einer Steigerung von über 50%.“  Ich, die sich sonst immer über die Bildschirm-Sucht ihrer eigenen Generation aufregte, war nun endgültig im Homeoffice angekommen.

Das tägliche Nachrichten-Checken, der vermehrte virtuelle Kontakt zu Freunden und Familie und die Unterhaltungsforen wie YouTube oder Pinterest waren ausschlaggebend für diese unheimlich hohe Stundenzahl meines Medienkonsums… und ich merke, dass ich damit nicht alleine bin. Ich entdecke in diesen Tagen viele tolle Ideen und Projekte von Kollegen im pastoralen Dienst, Gemeinden, die sich neu aufstellen und vernetzen und auch Prominente, die ihre Quarantäne nutzen, um wirklich inspirierende und hoffnungsvolle Gedanken in die Welt zu tragen.

Es sind aber leider nicht nur die aufgeweckten, innovativen, lebensfrohen und smarten Menschen, die in diesen Tagen mehr Zeit im Internet verbringen als sonst – ich habe auch selten so viel geistigen Sondermüll im Netz kursieren sehen, wie in diesen Tagen, auch aus „christlicher“ Richtung. Den Höhepunkt bildete zu meinem Entsetzen ein „Prediger“, der bei YouTube in einem ausgesprochen hochqualitativ inszenierten Video beschrieb, dass der Corona-Virus eine Strafe Gottes sei, um die moralisch abgefallene westliche Welt zur Umkehr zu bewegen. Man möchte gleichzeitig lachen und weinen. Im Angesicht der tausenden Klickzahlen scheint dieser – pardon – Irrlehrer doch einen Nerv bei vielen verunsicherten Christinnen und Christen zu treffen, nämlich eine These, bzw. eine Frage, die er zu Beginn des Videos selber stellt: „Wir haben einen allmächtigen Gott und auf dieser Welt geschieht nichts, was er nicht bewirkt. Also bewirkt Gott auch die Ausbreitung des Corona-Virus.“  Argh… eine gewaltsame Vereinfachung eines so komplexen Themas mit schrecklichen Folgen – und doch ein für unsere Zeit typisches Phänomen: Die Welt wird immer komplexer und unüberschaubarer und weil es unheimlich schwierig und auch schmerzhaft sein kann, so viele Fragen mit „Ich weiß es nicht“ beantworten zu müssen, suchen und bieten manche Menschen einfache und plakative Antworten.

Die scheinbare Unvereinbarkeit von einem liebenden Gott und einer leidenden Welt beschäftigt die Theologie schon seit Jahrhunderten… und spuckt auch in diesen Tagen wieder ihre wildesten Thesen aus. Ich will in diesem Gemeindebriefartikel keinen Antwort-Versuch auf dieses komplizierte Thema wagen – um Gottes Willen! Ich möchte nur einen Ausblick wagen, warum die Beantwortung der Frage „Warum lässt Gott Leid zu?“ gar nicht zwingend notwendig ist, damit wir Christinnen und Christen ein Stück Frieden mit dieser Welt und ihrem Schöpfer schließen können. Auch wenn Covid-19 uns in diesen Tagen besonders persönlich die Folgen einer erschütterten Welt spüren lässt, so ist dies bei weitem nicht die einzige Plage, das einzige Horror-Szenario, das in jüngster Vergangenheit aufgetreten ist: in Teilen Afrikas kämpft man derzeit immer noch gegen eine schreckliche Heuschreckenplage, die Flüchtlinge im türkisch-griechischen Grenzgebiet haben immer noch keine Perspektive auf irgendeinen Ausweg aus ihrer Situation, die Waldbrände in Australien vor ein paar Monaten haben einen gewaltigen Einschnitt in der dortigen Artenvielfalt bewirkt und selbst in unserem demokratischen und aufgeklärten Land werden Politiker und Ehrenamtler bedroht, wenn sie sich für den Schutz des Klimas oder von Minderheiten stark machen.

Diese Welt ist nicht in Ordnung, sie ist erlösungsbedürftig. Gleichzeitig feiern wir in diesen Tagen (und das jedes Jahr seit Jahrhunderten!) das Osterfest und besinnen uns darauf, dass Gott in Jesus Christus am Kreuz die Macht der Sünde- und durch die Auferstehung die Macht des Todes überwunden und ein für alle Mal besiegt hat, auf dass die an ihn glauben mit ihm sterben und das ewige Leben haben. Und jetzt von kanaanäisch ins Alltags-deutsch: Gott hat die Vorzeichen dieser Welt geändert, wie Musiknoten auf einem Liedblatt, die ein # oder ein b hinzubekommen – die Noten bleiben die gleichen aber das gesamte Lied kann anders klingen. Wir leben auf dieser und in dieser Welt, egal ob wir an Gott glauben und sein Erlösungsangebot annehmen oder nicht. Wer jedoch an ihn glaubt, der erkennt seine angebrochene Königsherrschaft auch in den dunkelsten Stunden, in einem unerwarteten „Danke“ oder dem Lächeln eines Fremden, in dem Verzicht auf Egozentrismus und einem Einsetzen für diejenigen, die es aus eigener Kraft nicht mehr können.

Und mehr noch… jetzt sind wir in einer Schwebe zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“: Schon jetzt erleben wir, dass Liebe und Versöhnung stärker sind als Hass und Ausgrenzung und trotzdem hat noch nicht jeder Mensch das bedingungslose JA Gottes zu sich und seinem Nächsten ins Herz sickern lassen. Aber irgendwann, so verspricht es Jesus uns, werden wir leibhaftig mit ihm auferstehen und mit ihm zusammen in einem neuen Leib in einer neuen Welt in Gemeinschaft sein – und sogar Wein trinken!  Auch das ist die Frohe Botschaft von Ostern. Unser HERR ist auferstanden und die, die an ihn glauben, werden mit ihm auferstehen.

Ein weiser Theologe sagte mal, dass er seiner kleinen Tochter die zukünftige Auferstehung mal so erklärt hätte: „Es wird sein wie am Abend, wenn wir unsere Straßenkleidung ausziehen, über den Stuhl hängen und in unseren Schlafanzug schlüpfen. Es sind immer noch wir selbst, aber in einem neuen Gewand, für einen ganz besonderen Anlass.“  Vielleicht kann dir dein Schlafanzug zu einem Bild des Trostes und der Hoffnung in diesen Tagen werden – einer Hoffnung auf eine neue, eine erlöste Welt, auf die uns Ostern schon einen süßen Vorgeschmack gibt.

Alles Liebe, Gottes Segen und viel Gesundheit wünscht

Eure Lisanne

 

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